02. März 2021

Wie Sie einen Change Request Prozess in einer klassischen oder agilen Umgebung managen

Der Prozess des Anforderungsmanagements ist vom jeweils angewandten Vorgehensmodell zum Realisieren einer Investition abhängig. Bei sequenziellen Modellen wird zum Verändern von Anforderungen ein Change Request-Prozess eingesetzt. Bei iterativen Modellen gibt es keinen Change Request. Es werden vielmehr bei jeder Iteration zusätzliche Anforderungen definiert und noch nicht realisierte Anforderungen priorisiert.

Univ.-Prof. Dkfm. Dr. Roland Gareis

Univ.-Prof. Dkfm. Dr. Roland Gareis

493 Wörter • 4 Minuten

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Projekt- & Anforderungsmanagement in sequenziellen Vorgehensmodellen

Projekte werden aufgrund eines Bedarfs, Geschäfts- und Lösungsanforderungen zu erfüllen, durchgeführt. Dabei wird in klassischen Projektmanagement-Ansätzen das Definieren von Anforderungen nicht als Aufgabe in Projekten gesehen.

In der Abbildung 1 sind zwei sequenzielle Modelle, nämlich das Wasserfallmodell und das V-Modell, dargestellt. Das Wasserfallmodell ist das bekannteste sequenzielle Vorgehensmodell, das vor allem im IT- und Baubereich eingesetzt wird. Das Wasserfallmodell sieht eine Trennung der Phasen Anforderung, Entwurf, Implementierung, Überprüfung und Wartung vor. Bei jedem Phasenübergang wird angenommen, dass die jeweils vorangegangene Phase abgeschlossen ist. Sequenzielle Vorgehensmodelle gehen von einer Planung der Lösungsanforderungen vor dem Start der Implementierung der Lösung aus. Nach der Definition der Anforderungen erfolgt ein „Design freeze“. Die definierten Anforderungen werden „eingefroren“ und können ab diesem Zeitpunkt nicht mehr ohne formalen Change Request1 verändert werden.

Vorgehensmodell Abbildung 1: Sequenzielle Vorgehensmodelle - Wasserfallmodell und V-Modell2

Beim Implementieren einer Lösung werden die Anforderungen bei Änderungswünschen aber auch beim Testen und beim Abnehmen der Lösung durch externe oder interne Kunden betrachtet.

Change Request-Prozess

Falls während der Implementierung einer Lösung zusätzliche Anforderungen identifiziert oder die definierten Anforderungen verändert werden, ist ein „Change-Request-Prozess“ durchzuführen. Eine Änderung bzw. Ergänzung von Lösungsanforderungen kann Adaptionen der zu erfüllenden Projektleistungen, der Projekttermine und der Projektkosten bedingen. Adaptionen der Projektpläne sind entsprechend vorzunehmen. Damit eventuell notwendige Veränderungen in der Projektorganisation, in Projektstakeholderbeziehungen, in Beziehungen zu anderen Projekten etc. werden meist nicht explizit berücksichtigt.

In den Abbildung 2 ist ein Change Request-Prozess exemplarisch dargestellt.

Change-Request-Prozess Abbildung 2: Change Request-Prozess3

Projekt- & Anforderungsmanagement in iterativen Vorgehensmodellen

Ein häufig angewandtes iteratives Vorgehensmodell ist „Scrum“, ein sogenanntes „agiles“ Modell. Die grundsätzlichen Scrum-Strukturen sind in der Abbildung 3 dargestellt.

Strukturen-Scrum-Modell Abbildung 3: Strukturen des Scrum-Modells4

Lösungsanforderungen werden im Scrum-Modell als „User Stories“ bezeichnet und zu „Backlogs“ zusammengefasst. Je Iteration („Sprint“) werden durch das „Product Team“ eventuell weitere User Stories definiert oder auch bereits definierte User Stories verworfen.

Priorisierungen durch das Product Team und das Development Team ermöglichen es, die in jeweils einem Sprint zu realisierenden User Stories („Sprintbacklog“) festzulegen. Während der Durchführung eines Sprints durch das Development Team können keine Änderungen der Anforderungen vorgenommen werden.

Scrum ermöglicht daher, ohne „Change Requests“, die Lösungsanforderungen iterativ anzupassen. Dadurch kann „agil“ auf aktuelle Marktbedingungen reagiert werden.

Roland Gareis Consulting

Quelle


  1. Vertiefende Informationen: R. Gareis & L. Gareis; PROJEKT.PROGRAMM.CHANGE, Manz Verlag, Wien 2017 

  2. R. Gareis & L. Gareis; PROJEKT.PROGRAMM.CHANGE, Manz Verlag, Wien 2017, S 107 

  3. R. Gareis & L. Gareis; PROJEKT.PROGRAMM.CHANGE, Manz Verlag, Wien 2017, S 390 

  4. R. Gareis & L. Gareis; PROJEKT.PROGRAMM.CHANGE, Manz Verlag, Wien 2017, S 111 

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Relevante Projektmanagementbegriffe

Agiles Projektmanagement  

Agiles Projektmanagement ist ein Sammelbegriff für unterschiedliche Projektmanagementmethoden, die ursprünglich v.a. aus der Softwareentwicklung stammen. Meist verfolgen sie einen iterativen Prozess, das heißt, dass das Projekt nicht vollständig durchgeplant und abgewickelt wird, sondern Aufgaben und Anforderungen werden laufend neu verfasst, was ein dynamischeres und flexibleres Projektmanagement ermöglicht. Zu bekannten agilen Projektmanagementmethoden zählen Kanban und Scrum.

Change Request  

Ein Change Request ist eine gewünschte Änderung in einem Projekt, die nach dem bereits festgelegten Projektauftrag erfolgt. Er kann den Umfang der definierten Projektanforderungen erweitern, verändern oder reduzieren.

Projekt  

Ein Projekt ist ein zielgerichtetes, einmaliges Vorhaben, mit Anfangs- und Enddatum. Unter der Berücksichtigung eines definierten Budgets soll ein vorher festgelegtes Ziel zu einer zuvor bestimmten Qualität erreicht werden.

Glossar